Teil I:

Eine Reise in die Vergangenheit ist immer auch eine Reise zu den eigenen Wurzeln. Eine Reise nach Ägypten ist eine Reise zu den verborgenen, geheimnisvollen Wurzeln unserer Kultur, oder, ganz allgemein, zu den Zeugnissen entwicklungsgeschichtlicher Erfahrungen des Menschen. Daß dabei Gegensätze uns gegenübertreten, die fast nicht erfaßbar sind = Kairo: Stadt - Hof der Moschee; moderner Hotelturm - mittelalterliches Minarett; elegante Straßen - Friedhofshäuser und Mülleute = hat wohl nichts mit Schicksal zu tun, sondern mit den Menschen und ihrer Art, mit dem Schicksal umzugehen, also Lebensformen zu finden und zu formulieren, die nicht nur gedacht werden können, sondern lebbar sind. Die Denkformen begegnen uns in den alten Pyramiden ebenso wie in den christlichen Kirchen und den Moscheen. Sind sie verwirklicht - oder - sind sie überhaupt realisierbar?

 

Wir sind nach Ägypten gekommen, um Fragen zu stellen; ob wir Antworten erhalten? Wenn, dann wohl jeder seine eigene, angeregt durch Bilder, lebendige und formelhafte Zeugnisse, wie wir sie z. B. im Museum von Kairo finden. Da ist die Narmerpalette, die Geschichten erzählt und damit Geschichte vermittelt, sie aber gleichzeitig abhebt in einen symbolischen Raum, der für alle Zeiten gültig ist. Dazu gehören auch die Statuen, z. B. die des Djoser, die als magische Stellvertreter von Personen gedacht sind, mit leiden-schaftlichem Vertrauen in ihr Leben. Doch daneben finden sich die kleinen Figürchen, die aus dem Leben erzählen, von den alltäglichen Notwendigkeiten, wie eben der Vasen-wäscher; die Bereiche sind nicht voneinander getrennt, sie sind sinnvoll aufeinander hingerichtet, da sie in ihrer Gesamtheit Leben meinen.

 

In allem sind die Götter wirksam, die über Leben und Tod bestimmen, jenen Extrem-punkten des Existierens, mit denen der Mensch sich auseinandersetzt, seit er imstande ist zu denken und damit zu wissen, daß er ist! Der Ägypter findet seinen Weg, indem er sich dem Unnennbaren, in klaren Ordnungen Sichtbaren anheimgibt, also "Religion", Bindung schafft. Dem erkennbaren Zyklus gehört er damit an und wird so zum Wiederkehrenden, Lebenden. In seinen Verkörperungen, wie eben im Prinzen Rahotep mit seiner Frau, dem Dorfschulzen, dem Schreiber, dem Pharao mit dem Falkengott, schafft er sich Vollzugsrituale, die ihn mit dem Transzen-denten verbinden und so dem Diesseitigen Sinn geben.

Manchmal mag es sein, wie etwa bei Echnaton, daß eine Idee Platz greift, die den Menschen in den Vordergrund stellt, die göttliche Macht auf die Ebene des Denkens abstellt. Aber was nicht faßbar wird, wird nicht angenommen; und was die - gebaute - Ordnung stört, muß verschwinden. Es ist wie das Aufblitzen eines Sterns, der seit unendlichen Zeiten sein Licht versendet und in dem Augenblick erlischt, in dem es uns erreicht.

Leben, - was ist Leben? - scheint sich uns als Frage zu stellen, wenn wir Tut-anch-Amuns Schätzen begegnen. Die Gegenstände sind es wohl nicht, auch nicht ihr materieller Wert, die Antwort geben. Vielmehr die Idee, die sie schuf, der Gedanke, der den Augenblick zur Ewigkeit formt.

Auch in den Pyramiden wird dies deutlich, wo die Größe nicht bestimmt ist von der äußeren Erscheinungsform, sondern von der dahinter waltenden Idee, in die Ewigkeit zu bauen, und aus ihr heraus das Leben zu verstehen - im Kreislauf der Sonne, des Werdens und Vergehens; aber auch im Bewußtsein der eigenen Größe in diesem Kreislauf. Auch im Grabmal des Ti wird deutlich, daß das großartige künstlerische Werk nur Anschauung ist für ein geistiges Prinzip, Gestalt geworden in Osiris und seiner Welt jenseits der Welten.

Doch in allem ist der Mythos, der Gott, das "Nicht - Meßbare" das verbindende Maß und es entstehen Tempel wie Karnak und Luxor. Nur vordergründig ist der Pharao, das große Haus, der uns hier monumental entgegentritt, von Bedeutung. Im tiefsten Grunde ist es jedoch das Bewußtsein eines Waltenden, Existierenden, dem Ausdruck verliehen, Form gegeben werden soll. Der Tempel ist die verkleinerte Welt, die, aus dem Chaos entstanden, sich gegen dieses Chaos auch immer wieder behaupten muß. In seinen steinernen Türmen und Formen sollte sich für ewig das Mysterium des Schöpfungswerkes Tag-Nacht, Werden-Vergehen wiederholen können. So ist der Tempel auch ein Abbild der Natur des Landes, in dem er entstand: Aus seinem Boden, - der fruchtbaren Erde -, wachsen die Säulen wie Pflanzen und Bäume auf bis zum Himmelsbogen, den die Sternengötter in ihren Barken befahren oder in dem sie sich fliegend bewegen in Form von Vögeln, Geiern. Die im täglichen Leben sichtbaren Ereignisse, - Nilschwemme und Niedrigwasser - Aussaat und Ernte, Fruchtbarkeit und Öde haben ihre Entsprechung in den Anlagen von Abydos und Dendera, wo uns diese Qualität des Lebens in Form des Totengottes Osiris und der mütterlichen Hathor entgegentritt. Überwiegend jedoch bleibt die sichtbare Hoffnung der Erneuerung, der Unvergänglichkeit.

Im Tal der Könige, in den Bildwelten der Toten, gemacht für ihr neues Leben, ist die Formelhaftigkeit des Weges zur Ewigkeit ablesbar. Es mag traurig stimmen, daß kaum einer der sorgfältig für die Ewigkeit vorbereiteten Menschen bis auf uns gekommen ist. Doch - braucht es dies? - Ist es nicht der einmal gedachte Gedanke, der fortlebt. Ist es nicht eben die Teilnahme an und die zaghafte Erkenntnis von größeren Dimensionen? Welchen Namen sie haben, ist Schall und Rauch, allein ihr Wirken zählt.

Wenn wir Deir-el-Bahari besuchen, schon vorbereitet durch die Wanderung über den Berg - wird ein anderes Phänomen deutlich: Leben ist nicht nur der Versuch, Ewigkeit zu erreichen, sondern er ist Bewußtsein von Möglichkeit, ist Gestaltungswillen, ist Entdecker-freude, wie uns der Zug nach Punt beweist. Leben ist Umbruch, Veränderung, wie Hatschepsut, die sich als er versteht, andeutet.

Der Tod ist ein Teil des Lebens - oder Leben und Tod sind integrale Bestandteile des Seins - steht in den Gräbern geschrieben, doch auch von Freude, von Lust und Vergnügungen, von Geschmack, Erfindungsreichtum, Umgang mit der Dinglichkeit ist die Rede, wie uns das Grab des Sennodjem beweist. Wer an den Memnonkolossen vorbeikommt, erlebt zweierlei: Ewigkeitswillen und Vergänglichkeit bis zum Vergessen.

Der Tempel von Edfu ragt riesig aus seinem Mauergeviert. Er ist gewaltig, beeindruckend, vermag Schematisches zu erklären; doch seine Idee ist hohl geworden, ist nur mehr tönern klingende Erinnerung an Vergangenes, das genießbar wird. Längst ist für den Ägypter Ägypten nicht mehr die Welt; sie ist größer geworden, scheinbar berechenbar, doch in ihrer Erklärbarkeit und Erkennbarkeit geheimnisvoller, rätselhafter als je. Die Gedanken der Menschen sind weitergeschritten, haben den Menschen als Einzelwesen erkannt, dessen Seele - also Ba und Ka nach Platon unsterblich ist und sie bereiten bereits eine neue große Zeit vor, die über Völker, wie Griechen, Phönizier, Römer, Juden zum Abendland wird. Längst haben die Menschen die Tempel verlassen, haben sich neue gebaut, Wunderwerke der Technik, monumental wie die Pyramiden. Niemand mehr fragt nach dem Krokodilgott Sobek, jenem Gott, der sinnbildhaft auch den Nil meint, oder nach Hapi, dem Gott, der aus sich selbst sich ewig erneuert, wie einst der Nil in seinem Jahreslauf. Was offenbar nur zählt ist das Machbare, vergessen wird das Denkbare, die Rückbesinnung vom Gemachten zum Gedachten, vom Gedanken zur Idee der alten Maat, der kosmischen Ordnung. In der Ausgliederung aus dieser Ordnung ist wohl die Problematik des Hohen Dammes zu sehen. Als Mahnung jedoch die Tempel von Philae und Abu Simbel, daß Machbarkeit nur Sinn ergibt, wenn sie sich dem Geistigen gesellt, über dem Ordenbaren das Übergeordnete, kurz das vom alten Ägypter bereits bewußt erlebte und erfahrene geistige Weltprinzip mit in die Lebensstrukturen aufnimmt.

Wir sind ans Ende einer Reise gekommen und haben - vielleicht - einen Anfang gefunden für ein neues Ägypten, das nicht in der zum Träumen anregenden Landschaft, nicht in dem seit Urzeiten fließenden Nil, nicht in den Kunst- und Bauwerken aus allen Zeiten menschlichen Bewußtseins entsteht, sondern das in uns selbst ist. Es ist jenes Ägypten, das aus unserer menschlichen Fähigkeit besteht, - wenn auch bedingt - zu erkennen und aus der Erkenntnis sich tätig einer ewigen, nicht faßbaren Ordnung einzugliedern und auf diese Weise Amun - Osiris, ewig, zu sein.

 

Assuan/Abu Simbel, 28. 11. 1992

Mag. Albert Ruetz

Aktualisiert (Donnerstag, den 06. Mai 2010 um 22:46 Uhr)