Man kann über eine Reise auf verschiedene Weise berichten, und dies deshalb, weil man entweder nur die Reise selbst beschreiben kann, oder auch die Vorbereitungen bereits dazu zählt, oder den gesellschaftlichen Teil, der ja meist schwergewichtig auf Reiseerinnerungen lastet und das Gesehene oder im wahrsten Sinn Erfahrene in den Hintergrund drängt oder gar zudeckt.

Ich will an das Gesehene und Erfahrene erinnern, aber das Gelächter und den möglichen Ärger nicht vergessen und natürlich auch das Vorfeld, das zu so manchem italienischen Zwischenspiel führte, nicht außer Acht lassen.

Das Vorfeld der Reise war eines Goldoni würdig; da kreuzten sich Programmplanung mit Gegenprogramm, italienische Bombastierung mit nördlicher Strenge, Chaostheorie mit Stringenzmodell. Gefunden wurde schließlich ein Kompromiß, der stringent zum Chaos führen mußte.

Nun, wer eine Reise tut, der kann auch was erzählen. Unsere Fahrt geht erst durcdh das Tiroler Oberland Richtung Brenner und es bietet sich Gelegenheit, diese Region einmal bewußter zu sehen.

Steil und eng ist das Tal bis Imst, nur Straße, Bahn und Fluß haben Platz. Wie die Landschaft sind die Menschen - streng, zurückhaltend, wortkarg. Aber der Sinn für Schönes ließ sie Kirchen bauen, Häuser bemalen, Landschaft gestalten. Ohne Kulturtheorie schaffen sie die Grundlage jeder Kultur: Sie bauen an, sie bauen auf, sie pflegen und sie verehren, wenden sich also auch jenen Kräften zu, die keine Erklärung haben, die aber erfahren werden.

Erste Kaffepause in Pettnau. Hier tritt zum erstenmal jene nachhängende Zeitdifferenz auf, die uns dann die nächsten Tage konsequent begleitet.

Stau auf der Autobahn, also umdisponieren für das Mittagessen; nicht Verona ist Etappenziel, sondern Trient, die Stadt jenes Konzils, das dazu beitrug, die Welt in zwei Geisteshälften zu teilen. Die Zeit ist zu knapp bemessen, um die Stadt näher kennenzulernen. Schließlich erreichen wir doch noch Verona.

Der weite Platz von San Zeno gibt der hochragenden Kirche den Akzent der Tiefe. Die Reliefs des Maestro Nicolao entführen uns in die Welt des Biblischen, jedoch ohne jene romanische Strenge, die wir sonst kennen. Die reale Welt steht hier gleichwertig neben der jenseitigen. Weit und offen ist der Innenraum und bietet Platz dem Nachdenken über die wesentlichen Dinge des Menschen: Sein Woher, sein Wohin. Dabei ist für beides Hilfe angeboten im Altar des Mantegna. Auch das Bronzetor aus dem 12. + 13. Jh. trägt Tafel um Tafel zur Antwortfindung bei. Jene Dimensionen, die außerhalb jeglicher Logik und Rationalität liegen, werden deutlich und sichtbar.

Unweit vom heiligen Bezirk ist das Feld des Spiels, das immer die Grenzen überschritt, auch die der Architektur und damit ins Kolossale wuchs, den Menschen nicht einbeziehend, sondern ihn als Spielzeug benutzend: der Macht, der Lust.

Ganz anders die Casa Giulia, wo von der innigen Liebe berichtet wird, die ihre eigentliche Erfüllung im gemeinsamen Tode hat und damit wieder im Unendlichen.

Die Piazza dell’ Erbe ist Leben und Geschäftigkeit mit Anspruch auf Eleganz und die Piazza della Signoria zeigt sich auch heute noch als der Platz von Würde und Stolz. Hier haben Macht und Politik ihre Bühne.

Noch im Tod scheinen sie mächtig, die Scala, deren Grabmäler die deutlichste Sprache der Macht und Repräsentation sprechen, aber verbunden mit dem Bezug zum Transzendenten, wohl in der Hoffnung, das Leben finde eine adäquate Fortsetzung. Dies drückt sich in der kleinen Kapelle neben den Grabmälern aus.

Es bleibt nicht Zeit genug, alles Interessante zu sehen, schließlich wartet Freund Claudio bereits in Brogliano. Das Hotel dort liegt schön, macht einen ruhigen Eindruck, was sich dann auch bestätigt. Das zweite Hotel, das wir benötigen, liegt nach italienischer Messung nur ein paar Kilometer landeinwärts, was schließlich eine halbe Stunde Fahrt im Pkw bedeutet, im Tag zweimal zu bewältigen. Aus dem, wiederum aus der Sicht der Freunde aus dem Süden, notwendigen Reinigungs- und Umkleidezeremoniell wird schließlich ein „vidi aquam“ (ich habe Wasser gesehen). Eine „hochtenorige sorpresa“ mit typischem italienischem Liedgut geleitet uns in den Abend mit den italienischen Freunden, der angenehm verläuft, aber doch die gesamte Konzentration auf die Sprachfähigkeit lenkt, um nicht die tiefschürfenden Dankesbezeugungen der einzelnen Redner unverstanden entgegennehmen zu müssen.

Ein langer, aber guter Tag geht zu Ende, längst hat die Nachtigall die Rolle des Tenors übernommen, die Müden in den Schlaf zu singen.

Der neue Tag mit dunkel ziehenden Wolken und drängendem Verkehr bringt uns nach Vicenza. Palladios Villa Rotonda wird für uns geöffnet. Hier werden Gedanken-gänge der Renaissance klar: Die Natur dient dem Menschen und er ist ein Wesen dieser Natur, mit der er Beziehungen aufnimmt, dabei sich bewußt bleibend, daß seine Ratio die Welt zu gestalten hat, und zwar jene der Ideen ebenso wie die der physischen Welt. Die gewollte und auch strukturierte Ordnung zeigt sich in der Villa, in der klaren Architektur wie in den Malereien der Kuppel und an den Wänden der Villa.

Ein Besuch beim Präfekten der Provinz steht an und wir erfahren liebenswerte Gastfreundschaft und freundliche Aufmerksamkeit, was den TV-Menschen Claudio zu äußerst kapriziösen diplomatischen Vorstellungsversuchen der - Gott sei Dank so zahlreich anwesenden - Präsidenten beim Präfekten veranlaßte.

Das Teatro Olimpico, vielleicht der letzte Plan des Olympiers Palladio, von seinem Schüler erbaut, gibt Gelegenheit, über die Geschichte des Theaters nachzudenken.

Ein weiterer Museumsbesuch, italienisch großartig angepriesen - kann gerade noch rechtzeitig abgewiesen werden zugunsten eines Mittagessens.

Am Nachmittag ist das Meisterwerk Palladios, die Basilika, unser Thema und daneben das Spätwerk des Palazzo del Capitano, die den großen offenen Platz bestimmen und gestalten. Beim Spaziergang durch den Corso Palladio begegnen wir dem venezianischen neben dem von Palladios Ideenwelt geprägten Palazzo.

Schließlich bleibt noch die Villa Cordellina - noch eine Villa, meint das Stöhnen einiger - als abschließender Glanzpunkt zu besuchen. Sie ist Auseinandersetzung mit Palladio, von Massari gebaut, allerdings mehr als 100 Jahre später.

Dann folgen hektische Vorbereitungen für den Abend. 120 Personen werden erwartet, kaltes Buffet ist angesagt, getanzt soll werden und sozial soll der Abend auch noch sein. Es trifft schließlich nahezu alles wie angekündigt ein, wenn auch die Differenz zwischen Erwartung und tatsächlichem Ereignis eine hohe rotarische Toleranz erfordert. Aber - und das scheint mir wichtig, die Stimmung war gut, der Humor, besonders der unfreiwillige, kam nicht zu kurz, besonders bei den gym-nastischen Übungen mit Partner.

Am dritten Tag haben sich nun die italienischen „5 Minuten“ als Verspätung bereits durchgesetzt. Dennoch, wir erreichen Treviso noch so rechtzeitig, daß wir nach einem kurzen Spaziergang durch die alte Provinzstadt noch Gelegenheit haben, den Palazzo des 14. Jh. zu besuchen. Der große Saal überrascht in seiner Dimension und die Fresken an den Wänden erzählen nicht nur die Geschichte des häufigen Wandels, sondern auch die von Gewalt und Zerstörung, denen der Mensch nur begegnen kann mit dem Willen zum Neubeginn, zum Wiederaufbau, also zu einem wichtigen Teil von Kultur.

Entlang der „Calmaggiore“ öffnen sich Blickwinkel in verschiedenste Perioden der Stadt und auch die jüngste, die moderne hat Platz gefunden und Benetton-Design muß mittelalterlichen Gewölben und ihrem Flair trotzen.

Dann steht am Ende der alten Gasse der Dom. Mächtig ragt er auf, geschmückt in harmonischem Rhythmus von Kuppeln. Wuchtig und schwer steigen die noch zum Teil mittelalterlichen Bachsteinmauern auf und stehen neben dem marmorverkleide-ten Wänden der Sakramentskapelle aus der Renaissance, finden ihren Höhepunkt in der rechten Chorkapelle mit dem Fresko der Könige von Pordenone und der Verkündigung Tizians.

Mittag heißt auch fermetura und es gibt niemanden auf der Welt, der so unaussteh-lich Schlüsselgeklirr betreiben kann wie ein Kirchenkustos. eben dem Dom findet sich ein Rest von Mosaiken aus frühchristlicher Zeit, uns an den alten heiligen Platz erinnernd.

Es wird Zeit, sich den weltlichen Dingen, einem Mittagessen zu widmen. Am Nachmittag begegnen wir in San Nicolá noch Tomaso da Modena, dem großen Künstler des 14. Jh. Kopf um Kopf hat er die großen Theologen, Denker und Heiligen des Dominikanerordens an den Wänden des Kapitelsaales verewigt und er ruft jene Gedankenwelten wach, die uns heutigen Menschen beunruhigen, ja uns unverständlich sind, besonders auch deshalb, weil wir gleichem und ähnlichem Gedankengut bis heute begegnen und auch die Aufklärung diese dunkle Seite des Menschen nicht zu beseitigen vermochte und vermag. Durch alle Zeiten ist etwas Inquisitionsartiges zu spüren.

Der Spaziergang, der die Zeit dehnen sollte, um noch einmal den Dom besuchen zu können, wird zum Ärgernislauf. Also noch schnell ein Eis und dann auf nach Asolo. Die Hitze sitzt brütend über der weiten Landschaft und auf verbotenen Wegen erreichen wir das Städtchen mit den „1000 Horizonten“. Noch ist es reizvoll, das kleine Städtchen ohne Besonderheiten - mit Ausnahme seiner grandiosen Landschaft, aber wann wird auch hier „Disney-World“ alles verderben?

Noch einmal erwartet uns Vicenza, wo wir gemahnt sind, pünktlich zu sein. Doch noch haben wir offenbar nicht gelernt, wie dehnbar dieser Begriff ist. Hätten wir es gelernt - aber ich weiß, das Argument ist unhistorisch - wäre manches Interessante, am Weg von Freunden angeboten, doch noch möglich gewesen.

Da die italienische Freundschaft uns ans Herz gedrückt hat - manchmal gibt dies Atemnot - warten wir. Die Minguzzi - Ausstellung imponiert, fordert zur Diskussion heraus. Daß wir dem Syndaco vorgestellt werden, ehrt uns, unseren Freund Claudio erfreut es, es gibt Stoff für seinen Sender. Was noch bleibt ist ein Fischabendessen, bei dem der Fisch sich unter der Soße versteckt, jedoch bei Wein und Grappa der Schalk wieder seinen Auftritt hat und die Stimmung laut aufbranden läßt.

Man muß die Dinge nicht aufhören, sondern sie ausklingen lassen. Das tun wir, indem wie die übliche halbe Stunde zu spät sind, allerdings mit ersichtlichem Grund - die präsidiale Brille ist noch heimzuholen.

Als wir Bergamo erreichen, verweigert sich die Stadt, ziert sich, als wollte sie nichts mit uns zu tun haben. Schließlich gelingt es uns doch, die Barrieren zu überwinden und der Schönen näherzurücken. Die Piazza präsentiert sich im prächtigsten Licht, die Colleoni-Kapelle gleißt in ihrem Prunk und kündet den Ruf des Feldherrn; das Baptisterium wirkt leicht verloren neben dem stahlenden gotischen Baldachin der Renaissance-Fassade der Colleoni-Kapelle und der drängenden Wucht der klassizistischen Domfassade. Der Aufstieg auf den Turm weitet den Blick und gibt neue Aussichten frei. Ändern sich auch die Einsichten?

Noch einmal dann italienische Gaumenfreuden, italienischer Wein, italienisches Zeitverständnis. Und schon läßt sich Cicero zitieren mit „fuit, fuit“, vorbei, vorbei. Eine letzte kurze Pause im Bündnerland in einem Grotto, dann wandern die Gedanken schon in Richtung Heimat, unf die Erlebnisse der Tage zuvor beginnen bereits, sich in die Erinnerung abzusenken.

Was bleiben wird? Ich kann es nicht sagen, aber ich vermute, ja ich bin überzeugt, wenn diese sonnenhellen Tage auch nur einmal ein Lächeln und ein Staunen in unser Gesicht gemalt haben, haben sie sich rentiert.

Danke!

Mag. Albert Ruetz

 

Gesammelte Sprüche des Tages

zur Veneto-Reise im Juni 1999

3. 6. 1999

Die Seele nährt sich von dem, worüber sie sich freut. (Augustinus)

4. 6. 1999

Das Glück erkennt man nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. (Norwegen)

5. 6. 1999

Die Dinge sind alle nicht so faßbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raum, den nie ein Wort betreten hat ... (Rainer Maria Rilke)

6. 6. 1999

Betrachtet der Mensch ... die Natur und das Leben mit einer für alles Schöne empfänglichen Seele, offenen Augen und ohne Eigennutz, dann werden sie ihm auch viel Vergnügen bereiten. (Alexander Herzen)