Reisen heißt fortschreiten, verlassen:

den bekannten Boden, das vertraute Umfeld, gewohntes Denken;

der Weg, nicht bekannt, aber mit Spannung erwartet, wird zum Ziel.

Alles, was uns begegnet, hat nur Verweischarakter - zu Vergangenem und nicht mehr Erfahrbarem; zu Transzendentem, aber nur in der Nachbetrachtung Erschließbarem.

Vieles aus dieser Vergangenheit ist zusammengetragen, gehäuft: in den Tempeln, den Museen, den Gräbern, mit Erklärungen versehen und trotz allem geheimnisvoll, nur erahnbar und oft nur noch mit dem Gefühl zu fassen. - Dies gilt für Götter und Menschen, die uns im Bild begegnen; ebenso auch für die Bauten und Gegenstände, die über Zeitbrücken hinweg Botschaften transportieren.

Die Nachtstunde, in der wir Kairo erreichten, läßt keine Schlüsse zu auf die Situation dieser Stadt mit ihren 17 Mio Menschen, die bei hellem Tag überquillt, wo der Ruf des Muezzin von den spitzen Minaretten auffordert, sich des Mystischen zu erinnern oder sich dorthin einzuordnen, und die laut schreiende Reklame an Glasfronten der Hochhäuser nur scheinbar Gegensätze zu den Schatten der großen Pyramiden sind.

In einem Land, das einst als entscheidend wirkende Kraft die der Maat, der Göttin der Ordnung, hatte, wundern wir Ordnungsgewohnte uns über mangelnde Ordnung, über fehlende Organisation. - Oder wundern wir uns eher darüber, daß außerhalb des uns möglich Erscheinenden die Dinge auch funktionieren können? - Jedenfalls werden wir rasch mit Veränderungen bekanntgemacht. Nichts ist, wie es sein sollte und dennoch wird alles werden wie es sein muß: auch unser Programm.

Heraustretend aus der ungeordneten Größe der Stadt, begegnen wir der alten Hauptstadt Memphis. Nur mehr in Stein gehauene Bildnisse, übergroß und dimensionslos fremd, erinnern an die Größe und Bedeutung der Stadt, die Waage zwischen den Ländern.

Dann ist da Sakkara, das sich Stufe um Stufe zum Himmel erhebt, eine Treppe bildet zur göttlichen und ewig erhaltenden Sonne und in seiner schweren Form ihren Strahlen ein vermenschlichtes Bild verleiht. Es ist ein Monument der Menschheitsgeschichte, ein Hinweis darauf, daß die Welt neu verstanden wird in der Beobachtung des Unveränderlichen in der Wiederkehr des ewig Gleichen. Die Pyramide von Sakkara ist damit wohl der erste Bau der Menschheitsgeschichte, der ein Zeichen auf dem Weg der Suche nach dem Dauerhaften, Ewigen darstellt, auf den sich der Mensch immer wieder, immer wieder neu auf seine Weise, begibt. Als zeitloses und unveränderliches Abbild des Weltenlaufes sollte es diesen auch weiterhin sicherstellen.

Die Mastaba des Ti berichtet von den Menschen und ihrer Arbeit, in magischen Bildern in die Wand gemeißelt, zum Gebrauch und zur Kenntnis bestimmt in einem ungewissen, aber umso wahrer vorgestellten und geglaubten Jenseits.

Dies wird auch in den Pyramiden deutlich, deren Größe nicht bestimmt ist von ihrer Erscheinung, sondern von der Idee, dem Erfindungsgeist der Menschen, die sie schufen; die bestimmt sind von der Idee, die Welt jenseits der Welten zu versinnbildlichen, für die ewige Dauer zu bauen und daraus das zeitlich Vergängliche zu verstehen im Kreislauf der Sonne, deren Strahlen hier zu Stein geworden sind.

Von Luxor aus besuchen wir Dendera, wo die Ptomäer der großen Göttin Hathor ein Heiligtum erbauten. Wir erfahren von Tempelschemata, von Baustrukturen und von Ritualen, die ständiges Erneuern des Lebens ermöglichen sollten. Fruchtbarkeit und Geburt stehen als rituelles Geschehen im Widerstreit gegen Verfall und Ton in der Realität und sind doch stärker als diese.

Auf der Fahrt erfahren wir über Land und Leute, über ein modernes Ägypten, das, so zumindest ist der äußere Anschein, sich in vielen Belangen seit dem ersten großen König im 4. Jahrtausend vor unserer Zeit kaum geändert hat.

Die geschlossene Schleuse von Esna durchkreuzt unsere Pläne. Wir haben nur kurz Gelegenheit, den Luxortempel zu bewundern und uns damit zu trösten, daß wir in Karnak noch einmal Gelegenheit haben werden, über das Opet-Fest, die mystische Hochzeit von Amun und seiner Gemahlin Mut, zu unterhalten.

Die Zeit scheint stillzustehen bei der Fahrt auf dem Nil und einzelne Stationen bringen uns zurück in die Zeiten der Menschengötter, die sich und den ewigen Kräften Denkmale schufen

 

Aktualisiert (Donnerstag, den 06. Mai 2010 um 22:43 Uhr)