Spanische Impressionen - Andalusien

In Andalusien einzutreffen heißt zuerst Warten;

Warten auf Beförderung,

warten auf Unbekanntes

Erwartung des Ungeahnten.

Dann in Andalusien auf dem Weg sein,

Kurve um Kurve durch die Berge,

die schroff und abweisend erste Geschichten erzählen

von Räubern und Schmugglern und von Menschen,

die Schutz fanden vor den verheerenden Kriegen

durch die Zeiten.

Auf der offenen Hochebene,

mitten geteilt durch die tiefe Schlucht ,

liegt Ronda,

das nur mehr wenig besitzt aus jener kriegerischen Vergangenheit.

Würde unser schwarzer Begleiter, der Höllenfloh,

ein später Nachfahre des Kerberos,

uns mehr zeigen können,

hatte er die Sprache, als wir zu finden imstande sind.

Die steile Schlucht mit ihren verfallenden Mühlen,

die mächtige Brücke,

die das Alte mit dem Neuen verbindet,

die engen Gassen mit den zu den Patios geöffneten Häusern;

die Treppe in die Tiefe der Schlucht,

Stufe für Stufe,

besetzt mit Legenden und längst verklungenen Schicksalen;

den Dom mit seinem mächtigen Beispiel für Veränderung

von der arabischen Moschee zur gotischen, zur Renaissancekirche -

immer aber Gebets- und Gotteshaus!

Des Kerberos Erbe muß bleiben,

wir nehmen den Weg nach Westen.

Laut und geschäftig empfängt uns Cádiz,

am Rande der gewagten und gewonnenen Welt gelegen.

Rundum dehnen sich die Buchten,

durchschnitten von Straßen,

besetzt von Fortifikationen,

Trutzburgen der Angst und der Macht.

Am Rande steht die Kathedrale

und in ihren weiten Gewölben klingt das Donnern der Brandung noch nach,

doch trotz aller Größe und Pracht steckt in ihr Verfall,

den auch der glänzende Reichtum des Goldes und der Edelsteine

nicht zu überdecken vermag.

Jerez, Stadt des Weines,

Stadt der Feste,

Stadt der Pferde und Reiter -

von allem erfahren wir etwas, doch wohl nicht genug,

um sie wirklich zu kennen.

Die Fahrt durch das fruchtbare Land

ist eine Erfahrung des menschlichen Wollens,

die Erde zu nutzen zu gesichertem menschlichen Sein,

nach dem vor Zeiten geschriebenen Auftrag:

Macht Euch die Erde untertan.

Am Ende steht Sevilla, die Wunderbare.

Zu ihr Zugang zu finden ist schwierig.

Ein steinerner Wächter,

steht die Giralda über der Kathedrale.

Am Rand die zinnenbekrönte Mauer des Alcazars -

beide Zeugen der Macht,

beide im Anspruch, Zeichen des Wunderbaren,

des Wirkenden zu sein,

beide nicht faßbar, da sie eine Größe beanspruchen,

die menschliches Maß verläßt;

doch beide sind auch Formgebung schöpferischer Größe,

Sammelpunkt menschlichen Geistes.

Rotbraun, Purpurn färbt sich die Erde,

getränkt von Schweiß und Blut.

An manchen Stellen gibt sie Vergangenheit frei,

wie in Italika oder in Carmona.

Wie sind sie zu deuten, die riesigen Bauten,

für Spiel und Vergnügen entstanden?

Als Ablenkung vom Wirklichen und Wahren.

Als Vorspiegelung eines Scheins,

der bei genauer Betrachtung zerstiebt?

Der Lohn für harte Arbeit,

die täglich neu die Welt gestaltet?

Bleiben die Bauten, für das Ewige, Andere, Unklärbare bestehen?

Verfallen sind die Mauern,

vergangen die Jahrhunderte,

denen sie gehörten.

Doch der Geist, der sie geschaffen,

ist spürbar,

wird lesbar jenen, die ihr Herz öffnen

und das sichtbare aufnehmen in die Tiefen der Seele.

Dann, wie ein ruhende Insel in der Weite einer Bucht

Cordoba, des Islam Herrlichkeit.

Säulenumstandene Wandelhalle in den Weiten schöpferischen Geistes.

Daneben jedoch, wieder der Anspruch,

größer, besser, wichtiger zu sein -

doch im Grunde gespeist von der gleichen Quelle,

nur jeweils anders benannt.

Welch Unverstand und Verwirrung des Denkens.

Enge Gassen sind wir gegangen,

die den Blick in die Patios lenken

und von Zusammensein, von innerer Sicherheit sprechen.

Geformte Schöpfung oder schöpferisches Formen

begegnen uns im Palacio Viana,

in dem sich Garten an Garten,

Hof an Hof reiht,

immer neue Formen findet, die Sinne zu erfreuen.

Die Fahrt nach Granada ist eine Fahrt

durch farbenbunte, von abstrakten Mustern geprägte Landschaft.

Sie ist aber auch eine Fahrt in eine Gedankenwelt,

die Natur als Gebrauchsgut betrachtet;

in der die ordnende Hand des Menschen manchmal zur zwingenden wird,

sichtbar in den unendlichen Reihen der Oliven,

ausgedehnt vom Tal bis zur Kuppe der Hügel,

und sich wie Wellen fortbewegend

in die dunstige Weite.

Am Ende der Hügel,

am Rande der Berge,

hineingebettet in den Schutz der Sierra Nevada,

die Stadt vergangener Träume ,

Granada.

Weit sind die fruchtbaren Ebenen

gespeist von jenen Quellen,

die ihren symbolischen Ursprung

inmitten der Roten Burg haben,

in deren Hof die Quellen des Paradieses sich treffen

und leise auch heute noch singen,

von jenem Weben und Streben,

das in freudiger Sinnlichkeit

baute und gestaltete,

das plötzlich beendete die Hand des Schwertes,,

die nicht dem Geist,

dem Herzen gehorchte.

Was blieb, ist ein Hauch von Größe und Klarheit,

uns gegeben zur Erinnerung und zur Mahnung.

Andalusien:

Klangvoller Name, der Geschichte enthält

und manches aus ihr wachruft,

wenn wir hinzuhören und hinzusehen gewillt sind.

Andalusien:

Land der Weiten und Tiefen,

das mehr ist als ein fruchtbarer Acker,

zu stillen der Hunger der Zeit.

Andalusien:

Land, das Leben bot all jenen,

die dem Wirken der Ideen vertrauten

und damit ein Land gewannen,

das zu nähren vermag

auch in kargen Zeiten.

Mag. Albert Ruetz

Mai 1997