Eine kleine Überblicksgeschichte am letzten Samstag beginnend um unsere Reise in eine Bahn zu bringen, wo Sie noch einmal mitverfolgen können, wo wir waren, was wir gesehen haben, was wir versucht haben, aus den Dingen heraus zu sehen.

Es ist ja so, daß man, wenn man auf Reisen geht, immer zuerst einmal das Problem hat, mit Neuem fertig werden zu müssen und alles Neue blockiert uns zum Teil, bzw. wir haben die Schwierigkeit, auf jemanden, auf etwas zugehen zu müssen und sicher war es auch diesmal so auf diesem Beginn von Rankweil aus hinunter nach Italien. Die Reise nach Florenz ist lang, die Wege sind fast unendlich, bis man ans Ziel kommt, aber wenn das Ziel dann da ist, dann spürt man ganz plötzlich, wie die Lebensgeister erwachen und wenn man voller Erwartung das Hotel bezieht und dann loszieht um vielleicht in einem ersten Spaziergang schon sich jenen Eindruck zu holen, der dann im Laufe der Woche ausgebaut werden kann. Wir haben das ja auch getan, wir sind gemeinsam in diese Stadt hineinspaziert und das erste, was diese Stadt einem bietet, ist zuerst einmal etwas fast erschreckendes, eine unge-heure aufgetürmte Masse von schön geformten und ausgeklügelten Steinen, Steine, die im gleißenden Sonnenlicht stehen und zuerst gar nicht einmal den Blick wirklich über das Ganze schweifen lassen, sondern den Blick fangen auf einige wenige Flecken, daß man das Ganze gar nicht übersehen kann und ich glaube, uns allen ist es ein bißchen so gegangen in diesem Zwischenraum zwischen Baptisterium und Dom am letzten Samstag am Abend als der Dom und das Baptisterium so im letzten Abendlicht standen. Dieser Eindruck ist es ja auch dann, der uns durch die Stadt immer wieder begleitet, wo immer wir hingehen. Ob das nun die große Bausubstanz von Or San Michele ist oder der mächtige Turm, der noch von der Macht des alten Florenz kündet vom Palazzo Vecchio, es bleibt ein Eindruck, der immer, daß hier mehrere Dinge in dieser Stadt passiert sind.

Zum einen das ganze bewußte Annehmen einer Geschichte im Laufe der Zeit und der Versuch, aus dieser Geschichte auch tatsächlich etwas zu machen, sie zu gestalten. Dieser Gestaltungswille ist es, der diese Stadt besonders auszeichnet, und wenn man sie durchschreitet oder auch nur in kleinen Teilen ihre Viertel durchmißt, dann erfährt man von diesem Gestaltungswillen, aber gleichzeitig auch spürt man, daß etwas darüber noch liegt, das mit dem Willen allein nichts zu tun hat, sondern, daß damit verbunden auch etwas ist, was irgendwo auf einer anderen Ebene sich abspielt, denn das was wir dann als stimmig, als schön, als uns angemessen oder auch unangemessen betrachten, stammt von einer anderen Dimension als der rein sichtbaren.

Wir sind am ersten Tag, das war der Sonntag, zu diesem Phänomen des Geistigen zuerst einmal hinaufgefahren und hinaufgestiegen und zwar nach San Miniato al Monte, oben am Hügel stehend mit Blick über die ganze Stadt hinunter, wo schwer wuchtend der Dom mitten drinnen steht, mächtig seine Anhänger herausfordert an ihn heranzutreten, in ihn einzutreten. Daneben schlank und riesig den Domturm fast überragend, der Palazzo Vecchio mit seinem Turm, wie ein mahnender Finger, ursprünglich mit jener Glocke, die die Bürger zur Versammlung rief und damit auch zur Gemeinschaft, die ja in so einer Stadt dringend von Nöten ist, wenn ein vernünftiges Leben und Überleben möglich sein sollen. Die Kirche San Miniate ist aber daneben auch dieses stille Zeichen einer Geistigkeit, die langsam wächst, aber in ihrer Wirkung unendlich lange ist. Man sieht es diesem Gebäude auch an, das wir noch als klassisch bezeichnet haben, im Zusammenhang entstanden mit den alten Traditionen, die über die Jahrhunderte sichtbar waren, die man selbstverständlich angenommen hatte und die erst ein nachgeborenes Zeitalter dann als etwas besonderes und eigenständiges, eigenartiges betrachten kann. Die Gliederung des Baues begegnet und dann verschiedentlich in der Stadt im Laufe der Woche.

Unser Weg hinunter zum Ponte Vecchio über die Piazzale Michelangelo zeigt uns, wie die Höhen sich nun die Stadt verändert im Gegensatz zu diesem immer tiefer kommen bis an die Ufer des Arno, wo man plötzlich mitten drinnen steht und eingenommen ist von diesen Mauern, von den Säulen und wenn man dann entlang des Arno geht, wächst plötzlich auf der anderen Seite die Brücke auf mit ihren Geschäften drauf mit dem drüberlaufenden Gang hinüber zum Palazzo Pitti und gleichzeitig auch öffnen sich Säulengänge hinüber zu den Uffizien, einst von Vasari geschaffen und sie machen uns gleich klar, was hier passiert, daß das nicht mehr jener Geist ist, der nur auf Konsens aus ist, sondern ein Geist, der nun darüber hinausgeht und versucht, im Zusammenhang mit dem Konsens auch etwas zu erreichen, was Effekt gibt und zusammenhängend damit auch den Affekt mit einschließt. Gerade dieser Gang dann durch die Uffizien durch, nachdem wir den Ponte Vecchio schnell überschritten haben, dieses wimmelnde Zentrum des Fremdenverkehrs könnte man fast sagen, des glitzernden Goldes, dieser Gang durch die Uffizien durch, diese Sackgasse könnte man fast sagen, wo sich Bogen an Bogen reiht, gibt eben auch neben dem großartigen Effekt, den Affekt, daß man plötzlich versucht stillzustehen und mehrfach links und rechts zu schauen um sich zurecht zu finden, denn hier ist etwas gemacht, das eben den Manierismus besonders ausmacht, nämlich die Normalordnung zu überschreiten und damit auch eine gewisse Verunsicherung zu erzeugen.

Unser nächster Weg führt uns dann hinein in das Zentrum der einstigen Macht, auch in das Zentrum der heutigen Macht und Verwaltung, in das Rathaus, in den Palazzo Vecchio, die Signoria und gerade dort drinnen erfahren wir nun ohne daß wir über die Geschichte dieser Stadt näheres wissen müssen, daß diese Stadt Macht besaß, sie nutzte, sie ausübte und daß neben dieser Macht und der damit verbundenen Möglichkeiten sie umzusetzen in andere Dinge natürlich auch mitkamen das Repräsentationsbewußtsein, daß aber diese Repräsentation einen Kanal fand in den großen Künstlern der verschiedenen Zeiten, ob das nun im Saal der 500 ist mit dem wunderbaren David des Michelangelo oder mit den Figuren des Rosselino und Rotti oder mit den Bildern des Vasari an der Decke. Alle zum einen von politischer Selbstherrlichkeit, von politischem Selbstbewußtsein sprechend, gleichzeitig aber eben auch das eigene Repräsentationsbedürfnis meinend, wie das besonders schön zu sehen ist bei Vasari. Dazu kommt noch, daß hier sich jenes Zeitalter verwirklicht, was wir ein absolutistisches nennen oder ein absolutes ab dem 16. Jh., wo also plötzlich die antiken Gottheiten gleichgesetzt sind mit den Herrschenden der Zeit, die Medici mit den antiken Göttern, der Medici-Papst mit einem Zeus in den Räumen, die sich im Anschluß an den Saal der 500 befinden.

Wir durchschreiten alle diese Räume, sind immer wieder überrascht von den Bild-welten, die uns da begegnen, die aber alle einem ganz besonderen Phänomen entstammen, nämlich, sie kommen alle aus einer Bildwelt, die dem Geistigen ange-hört, die erfunden werden muß und die gefunden wird dann, wenn man immer wieder versucht, dieser Welt auf bestimmte Weisen und auf verschiedensten Wegen zu begegnen, nahezukommen, sie zu gestalten, mit ihr zurechtzukommen.

Als wir dann eigentlich müde und schon wirr vor lauter Bildwelten das Haus verlassen, bietet uns im gleißenden Sonnenlicht doch der Tag auch die Möglichkeit und zum ersten Mal so ein bißchen den italienischen Genüssen zu nähern, wenn auch die Genüsse dann relativ rasch auch gemindert werden, was sie in dieser Stadt immer auch kosten. Das ist halt auch leider ein bißchen das Problem, aber ich glaube, ganz getrübt war die Stimmung dann doch nicht, denn als wir dann in Sta. Croce sind, in diesem gewaltigen Wirbel auch von Menschen, da offenbart sich da und dort doch wieder ein Stück jener Seele des 15. und 16. Jh., besonders in den wunderschönen Fresken eines Agnolo Daddi, eines Thadeo Gaddi, eines Giotto, alle jene Großen, die damals versucht haben, was die Gedankenwelt, was die Literatur, was auch die Sozietät für das Überleben benötigte noch auszubauen und zu verstärken in den Bildern, die gleichzeitig aber auch eine Botschaft waren für jene, die manchmal am Leben zweifelten oder gar verzweifelten, die einen Hinweis brachten, daß es einen Weg gebe, der außerhalb der realen Möglichkeiten liege, aber auf den zu hoffen, auf den zu setzen eine Möglichkeit wäre.

Diese Sta. Croce entstand nun in einer Zeit, als die damalige abendländische Welt in einem ungeheuren Umbruch stand, modern würde man sagen, in einem radikalen Paradigmenwechsel, als ein Grüppchen von Menschen auftauchte, die derartig überzeugt waren von ihrem Ruf und von ihrer Berufung, daß man mit einer Handvoll solcher Männer die Welt hätte können erobern, wie Stendhal das einmal ausgedrückt hat. Und es waren Männer, die die Welt erobert haben, diese Franziskaner, und ihnen nachfolgend, die Dominikaner. Gerade die Franziskaner von Sta. Croce erweisen in ihrer Kirche diese Kraft und dieses Bewußtsein dieses Denkens ihrer Zeit des 13. und des 14. Jh.

 

Aktualisiert (Donnerstag, den 06. Mai 2010 um 22:51 Uhr)