„Dort dringen neben Früchten wieder Blüten,

Und Frucht auf Früchte wechseln durch das Jahr.

Die Pomeranze, die Zitrone steht

Im dunklen Laube, und die Feige folgt

Der Feige ... beschützt ist rings umher

Mit Aloe und Stachelfeigen ...

Daß die verwegene Ziege nicht genäschig ...

 

Und nur die höchsten Nymphen des Gebirgs

Erfreuen sich des leichtgefallenen Schnees

Auf kurze Zeit.“ (Goethe, Nausikaa)

In Sizilien sind diese Verse entstanden, in Taormina, also an einer Stelle der Insel, die wir uns in der Frühjahrsblüte genauer ansehen wollen. Aus allen Himmelsrich-tungen sind jene zusammengekommen, die der Wahrheit über dieses Land nach-gehen, all den Schwärmereien über die Insel auf den Grund gehen wollen.

Die Reisetechnik funktioniert, Palermo ist schließlich erreicht, das Hotel gefunden.

Noch ist die Stadt Palermo nur Vorstellung und Erwartung. Allerdings ohne den Hauch jener Romantik zeigt sie sich, der sich bei allen einnistet, die nur von ihr gehört haben. Sie ist Chaos, Wirbel, unüberschaubares Gewirr, ein Schauspiel bröckelnder Fassaden und vielfach Erinnerungsschatten vergangener Größe.

Wir fahren durch die quirlige Stadt. Morsch sieht sie aus an allen Ecken und Enden, eine recht unfrisierte und ungepflegte Dame, auf den ersten Blick. Doch wer braucht Frisur und Parfum, wenn Edelstein um Edelstein aus dem Haar blitzen?

Auf uns wartet der Dom von Monreale. Die Menschen drängen sich bereits beim Aufgang, so daß wir rasch die Stille des Kreuzganges suchen. Hier schon blitzen Glanz und Licht jener Epoche Wilhelm II. durch (12. Jh.), dessen Stifterkapitell wir bewundern und wir finden die Ruhe des großen Gevierts mit seinen mit Cosmaten geschmückten Säulen und die ungemein reich skulpierten Kapitelle wunderbar.

Wir verlassen Monreale, ohne die Kirche zu besuchen, wir wollen zuerst Cefalú, das sikulische Cefaloedium, besuchen. Der Weg führt uns durch die Conca d’Oro Palermos, durch die Agrumenpflanzungen links und rechts der Straße zur Stadt unter dem Schädelfelsen.

Wuchtig und breit steht die Normannenkirche über der Stadt, als Dank für Errettung aus Seenot von König Roger II. gestiftet. Man spürt noch heute die Macht und den Herrschaftswillen, aber auch die ruhige Gelassenheit, die sich aus dem Bezug zum Ewigen ergab, in der Architektur. Über allem aber steht der ins Unendliche gerichtete Blick des Pantokrators im Chor der Kirche, über alle Zeiten hinweg seine Herrschaft anzeigend.

Die schmalen Gäßchen führen an mittelalterlichen Palazzi vorbei bergab zum sogenannten arabischen Waschhaus aus dem 15. Jh., das heute noch benutzt werden könnte, das aber wohl kaum mehr die harte Arbeit und das muntere Geplauder der Wäscherinnen erfährt.

Das Meer ist still und keine Brandung donnert an die Häuser der Stadt. Liebenswert ist die kleine Stadt, doch wir müssen zurück, auf uns warten die Mosaiken im Dom von Monreale. Beim Betreten des Gotteshauses steht die Sonne schon weit im Westen und hinterläßt gleißende Streiflichter an den mosaizierten Wänden und glitzernd und blitzend erstrahlt das musivische Gemälde. Die einzelnen Szenen treten aus dem Goldgrund hervor und werden zum lebendigen Bericht über unsere Welt seit Anbeginn und über die Kräfte, die sie tragen. In diesem vom Normannen­könig Wilhelm II. erbauten Dom wird das Wort Platons wahr, daß Staunen der Anbeginn der Weisheit sei. Das Staunen läßt uns die Zeit vergessen und der Dom versinkt schon in der Dämmerung, als wir ihn verlassen.

Wir wandern durch die Straßen und Gassen von Palermo. Um die Ecke des Cassaro, vor Rathaus und Kloster gestellt, findet sich der Brunnen der Piazza Pretoria mit seinen nackten Figuren, der Stadt zu Nutzen und Zier, dem gegenüberliegenden Kloster zum besonderen Spaß?

Hinter dem Rathaus öffnet sich ein kleiner Platz; auch hier kämpft die Zeit gegen den Verfall: eine barocke Fassade, bröckelnd und mit Gerüst versehen, dahinter aber die normannische Martorana und daneben das arabisch wirkende San Cataldo. San Cataldo ist klare, kristallene Form; hier hat kein Schnörkel Platz.

Durch das Turmportal betreten wir die Martorana und stehen plötzlich umgeben vom Glanz byzantinischer Mosaiken. Das Strahlen der auf Gold stehenden Bilder ruft wieder die Geschichte auf den Plan und macht uns deutlich, wie viele Herren dieses Land hatte, wie viele ihre Spuren hinterlassen haben. Was auf uns gekommen ist, sind Zeugen der geistigen Welt, Einblicke in jene Sphären unendlichen Gottver-trauens und Machtbewußtseins, aus denen das ganze Mittelalter lebte.

Das Leben im Normannendom ist ebenso laut wie auf den Straßen davor. Die Gräber der Normannen- und Stauferkönige sind in eine Ecke gedrängt, haben aber nichts von ihrer stillen und hehren Würde verloren. Die Kirche selbst ist großmänni­scher Bausucht zum Opfer gefallen. Nur von außen beeindruckt sie, besonders an der Apsis, wo die schwarzen Basaltbögen wunderbare Muster formen.

Auf dem Weg kommen wir noch über die Piazza Quatro Canti mit ihrem hinter Ruß versteckten Gepränge und Machtanspruch der spanischen Barockfürsten.

Ein Stück hügelan der Palazzo dei Normanni, der Palast jener Krieger und Herren, die die Araber vertrieben und beerbt hatten und die mit Macht, Glanz und Toleranz über 100 Jahre das Land regierten. Etwas von diesem Glanz ist noch vorhanden, hüllt uns ein in jene Welt, in der Herrschaft und Göttlichkeit eng miteinander verbunden waren. Zum ersten Mal erzählen die Bilder in musivischer Malerei von Heiligen und heiligen Geschehnissen, stellen sie nicht dar. Nicht die Personen allein sind wichtig, und damit wird das byzantinische Denken überwunden, sondern ihre Taten, ihr Wirken, ihr Beispiel.

Der Palast beherbergt heute das Sizilische Parlament. Wie immer im Laufe der Geschichte, die in den Räumen überall fühlbar und sichtbar ist, haben die Sizilianer lieber sich selbst und ihren Paten mehr vertraut, als den Herren in Frankreich, Spanien, Rom, Barcelona oder Wien.

Der kurze Spaziergang zu San Giovanni degli Eremiti stürzt uns regelrecht wieder in das hektische Leben der Stadt. Aus dem lärmenden Chaos tauchen wir in die nahezu unwirkliche Ruhe des Gartens von San Giovanni. Wir fühlen uns geborgen unter den roten Kuppeln, die an die Moscheen der Araber erinnern, die im 10. Jh. Herren der Insel waren. Kaum mehr finden sich direkte Zeugen ihres Aufenthaltes auf Sizilien, nur noch Anklänge an ihre Zeit werden fühlbar im Garten, in der Archi-tektur. Der Säulenkranz des Klostergartens vermittelt Stille und Besinnung und ermöglicht Nachdenken über jene Menschen, die aus ihrem Glauben ihrem Gott einen Platz gebaut haben, ihn zu ehren.

Hinter einem Portal verbirgt sich ein Innenhof, dann tut sich ein Palmengarten auf, vollgestellt mit Tafeln, Figuren, Ankern, Erinnerungsstücken längst vergangener Tage. Wir sind überrascht. Zum ersten Mal begegnet uns im Archäologischen Museum Sizilische Geschichte, die Geschichte jener Völker, die der Insel ihr Gepräge gegeben haben: den Sikulern, den Sikanern, den Karthagern, den Griechen ... In ihrer Verlassen-schaft finden wir sie wieder, in sauber gesetzten Schriftzeichen, die zu lesen uns nicht möglich ist, in Gerätschaften, die uns an ihren Alltag, an ihre Arbeit erinnern; in ihren Kunstwerken, die ihnen Verbindung zum Ewigen, zu den Göttern waren.

Besonders der Metopenfries aus archaischer Zeit, aus der Tempelstadt Selinunte hierher gebracht, fesselt uns mit seiner Ausdruckskraft, mit seinen Erzählungen über Götter und Halbgötter im Versuch, die Welt im Bild zu erwecken. Der Spaziergang durch die Museumsräume ist wie eine Zeitreise durch die Geschichte der Insel von ihren Anfängen bis in die klassische Zeit der Griechen im 5. Jh. v. Chr.

Aber auch den Puniern (Karthagern) begegnen wir. Sie waren es, die dieses Panormos als Stützpunkt besessen hatten auf ihren Handelsfahrten von Afrika nach Europas Süden. Sie haben der Stadt, deren lärmdurchpulste Gassen wir nun wieder betreten, den Namen gegeben.

Der Vormittag ist fortgeschritten und es ist an der Zeit, zum Normannenpalast zu kommen und dort einen weiteren Teil der Vergangenheit Siziliens zu erfahren, den der Normannen, der Araber und der Staufer.

Da der Monte Pellegrino uns den Aufstieg verweigert, lassen wir uns in der Vucciria treiben, freuen uns am bunten Leben des Marktes in dieser oft finster und trostlos wirkenden Stadt.

Wir müssen nun auch Palermo hinter uns lassen, es ist Zeit, weiterzuziehen. Kaum liegt die Stadt hinter uns, umfängt uns grünes Hügelland, blühende Mimosen und Akazien säumen unseren Weg, alles ist wohlbestellt auf den sanften grünen Hängen. Dort, auf einer Kuppe, steht der einsame Tempel von Segesta, fürwahr ein Trugbild. Nie ist er vollendet worden, diente nie den Göttern als Heimstatt, blieb immer nur politisches Kapital gegenüber den Selinuntinern und Athenern. Die Politik hat dafür gesorgt, daß der Tempel nie vollendet wurde; man meint, morgen könnte die Arbeit weitergehen, der Säulenumlauf sich zum Tempel schließen.

Die Stadt der Elymer rundum ist versunken und man glaubt, die klagenden Laute der Panflöte herüberklingen zu hören vom Theater auf dem Hügel gegenüber dem Tempel, dessen Dach der Himmel ist.

Weiter geht die Fahrt zum Berg der Venus, zum Eryx-Berg. Dort, am Fuße der Normannenburg, schweift der Blick hinaus in die vorgelagerte Ebene von Trapani, die im gleißenden Nachmittagslicht liegt und deren Salzgärten glänzen wie silberne Spiegel auf Bronzerahmen gegossen.

Wir spazieren durch die enge stille Stadt und fahren dann durch die weiten Weinfelder Marsalas weiter nach Selinunte. Unvergleichlich auch auf diesem Weg die Blumenpracht, die von Fruchtbarkeit bunten Felder.

Die weißen Gischtkronen tanzen an diesem Morgen an der Bucht von Selinunte, aber am Himmel steht strahlend die Sonne und leuchtet wie der Klatschmohn am Melophoros-Heiligtum und wie die Margaritenflut am Rande der alten Stadt. Kein Licht könnte das Tempelfeld besser beleuchten als diese südliche Sonne und ihre bunten Kinder.

Aus den Ruinen erspürt man noch heute die gebändigte Kraft der Architektur, ist erstaunt und beeindruckt selbst von Säulenstümpfen, die aus einem apokalyptischen Trümmerfeld ragen, wie beim Zeustempel. Im Durchwandern dieser Anlage beginnen wir auch ihren Plan und ihre Funktionalität zu erfassen.

Es müßte noch Zeit sein zu verweilen und in den Blumen zu sitzen und zu träumen. Doch der Hunger und das nächste Ziel, Agrigento, ziehen uns davon. Wir erreichen denn auch am Nachmittag die antike Stadt Akragas (Agrigento), von der Pindar sagt, sie genieße, als würde sie morgen untergehen und sie baue, als würde sie ewig leben. Wenig ist geblieben von der alten Stadt, aber das noch Vorhandene begeistert, erweckt Staunen und Bewunderung.

Unvergleichlich ist die Wanderung durch das Tal der Tempel. Ganz oben steht der Tempel der Hera, der Göttin der ehelichen Treue; ihm schließt sich der Concordia-Tempel an, sicherlich einer der schönsten dorischen Tempel der Antike. Concordia, die Eintracht, Tochter der Artemis und des Ares, der Schwester der Eris, der Zwietracht, sei er geweiht gewesen, sagt man. Welch sinniger Gedanke, das Gute zu zeigen, das Böse aber, das Andere daneben nicht zu vergessen und zu leugnen. Wenige Säulen stehen noch vom Herakles-Tempel, dann durchschneidet die moderne Fahrstraße den Tempelbezirk. Jenseits der Straße befinden sich die gigantomanen Ruinen des Zeus-Tempels, dem Olympier gebaut, doch niemals vollendet. Ein gigantisches Werk menschlichen Wahns oder bewundernswerter Fähigkeit und Größe? Wohl beides.

Über das Feld der chtonischen Gottheiten kommen wir zu den Tre Colonne, einem Wahrzeichen Siziliens, entgegen dem Namen aus vier Säulen bestehend, Rest eines kleinen Tempels, schon in der Antike aus verschiedenen Teile zusammen­gesetzt.

Die Dämmerung gibt der lichtglitzernden Stadt über den Tempeln mehr Bedeutung als sie verdient.

Es ist Nacht geworden und Scheinwerfer heben die Ruinen und Säulen in das Dunkel des Himmels, zeigen eine Seite der Welt, die ich in Verse zu fassen versuchte.

Agrigento

Der Säulen Kranz

kündet von den Menschen,

die ahnten,

daß nicht ihre Kraft allein

die Welt im Gange hält,

denn der Götter größeres Maß

bedarf es noch,

der Menschen Ordnung zu sichern.

Nicht die Macht

der ehernen Stiefel,

nicht die Größe

und Weite der Herrschaft,

noch eine goldene Krone

hemmen der Sonne Lauf,

geben den fruchtbringenden Regen

neu der durstigen Erde.

Immer sind es die Götter,

die geben und nehmen

und die Menschen erheben

oder sie züchtigen

in unsäglichem Maße.

So wohl dachten die Menschen,

als sie die Säulen erstellten,

das Haus ihres Gottes bekränzend.

Doch im Planen und Bauen

erkannten sie ihre eigene Kraft

und stellten sie dar

im reichen Schmuck

der himmelragenden Bauten.

Tempel nannten sie sie,

Haus des Gottes,

doch darin auch die eigene Nähe

zu seiner Größe bezeichnend.

Die Ordnung der Säulen

wird zum Gesetz und zum Maß,

das innewohnt

der Welt des Sichtbaren

und des Unsichtbaren.

Steingeworden ist ein Funken

jenes Logos,

jener wirkenden Kraft,

die, einmal als wirksam erkannt,

das Denken und Formen

der Menschen bestimmt,

in der Erkenntnis,

selbst ein Teil dieses Logos zu sein.

Wie die Säule

den lastenden Giebel trägt,

trägt der unendliche Geist

die endliche Welt.

Und im Kreis der Gestirne

wird und vergeht,

was zu fassen uns möglich.

Doch ungreifbar weit,

unabänderlich

bleibt das Unendliche,

das im Tempel als Gedanke

Heimstatt gefunden

für die kurze Zeit

menschlichen Denkens.

 

Griechische Tempel

Heiliger Bezirk Hier umgibt uns

in strahlendem Lichte,  der Genius der Jahrtausende,

den Göttern geweihter Boden steigt auf aus dem chtonischen Feld,

umfängt uns,  bemächtigt sich der schwachen Gabe

läßt uns ahnen das Walten unserer Vernunft,

des göttlichen Geistes der Tempel;

im schicksalverhangenen Sein. Einst waren sie den Göttern gewidmet,

Zum Gestirn der Nacht den Mächten olympischer Größe.

hebt sich die Säule empor Heute sind sie auch Zeugen

aus dem niederen Grund, der Größe menschlichen Denkens,

empor zu des Geistes mächtigem Walten. und der Vergänglichkeit

Stille umfängt uns, heilige Ehrfurcht menschlicher Kraft.

im Haine der Götter.

Die Hoffnung, Gesang, errichtet aus Stein,

unser irdisches Sein, Dichtung, gestaltet in klarem Gesetz,

erdschwer, gebunden, griechische Tempel.

gleiche der Säule des Tempels,

die sich emporschwingt

in die unendliche Nacht,

und die ewige Weite des Alls,

wird hier zum Bild.

Die strahlende Sonne führt uns am Morgen zuerst in das Archäologische Museum von Agrigento, wo wir Gelegenheit haben, vom Alltag, vom Bauen, vom Leben und von der Kunst in der Antike zu erfahren. Das Modell des riesigen Zeustempels und der mächtige Telamon erschrecken, der kleine spätarchaische Kuros dagegen erweckt Bewunderung. Am Rande des Museumsbereiches findet sich die alte Ekklesia, der Versammlungsort der Ratsherren der Stadt, wo sie jene Gesetze und Regeln besprachen und beschlossen, die den Aufstieg und die Größe der Polis, der Stadtgemeinschaft, ermöglichten. Daneben steht das Oratorium des Phalaris, nach der Legende daran erinnernd, daß der ungeregelte und ungezügelte Umgang mit der Macht Schrecken und Angst verbreitet. Auch Leidenschaft, der Sitte enthoben, bringt Verderben, lehrt uns die Phaedra-Erzählung auf dem Sarkophag in San Nicola.

Quer durchs Land geht nun unsere Fahrt nach Enna. Überall auf den Feldern schreitet der Frühling schon dem Sommer zu, das Blumenmeer beginnt da und dort zu verblassen. Ein frischer Wind weht uns in der Bergstadt um die Nase, Nebel und Wolken hemmen den Blick ins weite Land.

Am westlichen Horizont verschwimmen die Hügel mit dem Himmel, nach Süden zu senkt sich das Land zum Meer hin bei Ragusa, im Norden stehen die hohen Berge und im Osten breitet der Ätna mit beschneitem und rauchendem Haupt die Flanken.

Daß es Frühling ist, merken wir auch daran, daß Bus um Bus an uns vorbeizieht. Wir werden diese Menschen alle wiedertreffen bei der Villa Casale in Piazza Armerina. Aber diese Villa, genannt nach dem römischen Kaiser Maximinianus Herculeus, empfängt uns wie alle anderen mit ihren Mosaiken aus dem 4. Jh. Sie entführen in die Mythologie Griechenlands, erzählen vom Leben im kaiserzeitlichen Rom und vom kaiserlichen Hof. Macht bedient sich hier der Kunst.

Ziellos, endlos scheint die Fahrt nach Taormina Naxos, unendlich weit sind die Agrumenfelder. Basaltbrocken am Rande der Straße zeigen, daß wir am Ätna entlang fahren und in die Nähe unseres Zieles kommen. Müde, doch voller Eindrücke sind wir schließlich in Naxos-Beach.

Heute wollen wir ausruhen, aber erst, wenn wir die Alcántara-Schlucht gesehen und wenn wir durch Taormina spaziert sind. In Taormina bewundern wir das kleine römische Odeon, hinter Häusern versteckt, freuen uns über den gotischen Palast im Zentrum und besuchen schließlich das griechisch-römische Theater. Unvergleichlich ist der Blick, der übers Theaterrund zur Skené und den Resten des Bühnenaufbaus schweift, hinter denen mit breiten Schultern der Ätna steht und Erinnerungen wachruft an die Zeiten der Mythen und Sagen, die von Volcanos erzählen, Hephaistos, dem von Venus Betrogenen, der die göttlichen Waffen schmiedete; an Polyphemos, den Kyklopen, der Odysseus und seine Gefährten bedrängte und der schließlich vom Listenreichen geblendet wurde, um sich und seine Gefährten zu retten. Noch liegen die Felsblöcke, die Poyphemos ihnen nachgeschleudert, als kleine Inseln vor der Küste.

Das Ende unserer Reise rückt näher, doch Syrakus erwartet uns noch. Wir hören von der wechselhaften Geschichte dieser Weltstadt, erfahren einiges über sie im Archäologischen Museum. Wir finden Andeutungen jener klassischen Kunst, die unter anderem in den Koren und der Anadiomene eine großartige Ausformung erfahren hat. Gegenstand um Gegenstand ist der Weg gewiesen aus den frühesten Zeiten der Insel bis zu den späten Griechen.

Seltsam still ist es in den Latomien. Kühlende Luft erfüllt den Kessel und läßt Mühe und Qual erahnen, mit denen Block um Block aus dem Innern des Berges gebrochen worden sind, um die großen Mauern der Stadt, die Aufbauten des griechischen Theaters, den Altar des Hieron, das römische Amphitheater zu errichten.

Im Theater haben die großen Dramatiker Griechenlands ihre Stücke von den Göttern und Menschen aufgeführt; hier wurde den Menschen vor Augen geführt, wie sehr sie dem unentrinnbaren Schicksal verfallen waren; hier mußten sie begreifen, daß die Hybris, der Übermut gegen die Götter, auch die Mächtigsten vom Throne stößt. Oft genug haben die Syrakusaner diese Erfahrung gemacht in ihren vielen kriegerischen Auseinandersetzung mit der sizilischen Bevölkerung und all den Feinden von außen, mit Athen, mit Karthago, mit Rom ... . Aber als ideale Hafenstadt ist es Hauptstadt des Landes geblieben bis in die jüngste Zeit.

Der Spaziergang durch die Stadt führt uns zum Dom, trotz großartiger barocker Fassade noch immer auch der Athena-Tempel des 5. Jh. v. Chr., aber auch ein Zeichen, daß Geistiges miteinander zu verschmelzen vermag, wenn es nicht der Macht oder der Hegemonie einer einzigen Ideenwelt dient.

Unser letzter Besuch gilt auch der Quelle der Arethusa, die noch einmal die Mythologie wachruft.

Mit dem Abschied von Syrakus nehmen wir auch Abschied von Sizilien. Ich weiß, man mag Sizilien besuchen zu welcher Jahreszeit auch immer, die Spuren, die die Menschen hinterlassen haben, zeigen den schicksalhaften Wandel und Wechsel in der Geschichte bis in unsere Zeit, immer in unterschiedlichem Licht, aber immer gleich lebendig und eindrucksvoll.

 

 

Mag. Albert Ruetz

Naxos Beach am 2. 5. 1998

 

 

Aktualisiert (Donnerstag, den 06. Mai 2010 um 23:17 Uhr)